Vom Tagebau zum Klinger See
Der Wandel von Klinge - Wo einst die Bagger die Erde aufrissen, entsteht heute der Klinger See
Klinge war ein kleines, 1389 erstmalig erwähntes Dorf in der Niederlausitz. Im Umfeld des Ortes gab es viele kleine Teiche (ehemalige Tongruben), von denen der Klinger Teich der größte war. Bekannt wurde Klinge durch eine Reihe interessanter archäologischer Funde, beispielsweise eines fast vollständig erhaltenen Mammutskeletts, den Hügelgräbern, sowie der Notlandung des Atlantiküberfliegers Chamberlin.
Mit dem 1974 aufgeschlossenen Tagebau Jänschwalde war das Ende des Dorfes Klinge besiegelt. Der größte Teil des Ortes wurde ab 1980 überbaggert wie wenige Jahre darauf das nordöstlich gelegene Weissagk. Lediglich die später an der Eisenbahnlinie Cottbus-Forst errichtete Bahnhofssiedlung von Klinge blieb erhalten.
Tagebau Jänschwalde
Der rund 15 Kilometer nordöstlich der Stadt Cottbus gelegene Tagebau Jänschwalde, benannt nach der Gemeinde Jänschwalde im Landkreis Spree-Neiße, grenzt im Osten an Polen.
Mit den Entwässerungsarbeiten für den Tagebau Jänschwalde im Jahr 1970 begann der Eingriff in eine durch die Eiszeit geprägte Landschaft mit ländlichen Charakter. Um an das zehn bis zwölf Meter mächtige, teilweise in bis zu drei Bänken gespaltene Kohlenflöz zu gelangen, mussten 45 bis 95 Meter Abraum beräumt werden.
Der Tagebau wurde nahe des Ortes Grötsch aufgeschlossen und entwickelte sich zunächst in südlicher Richtung, um bei Klinge nach Nordosten zu schwenken. Zwei Jahre nach der Aufschlussbaggerung wurde 1976 die erste Kohle mit Hilfe des Schaufelradbaggers SRs 1300-1504 gefördert. Für den Abraum kam zunächst der Eimerkettenbagger Es 3150-1285 zum Einsatz, der die Erdmassen an den Absetzer A2RsB 12500-1096 übergab.
Im Jahre 1978 begann die Abraumförderbrücke F 60-34 ihre Arbeit, die man 1983 mit drei Eimerkettenbaggern vom Typ Es 3750 ergänzte und ein Jahr darauf mit einer Zubringerbrücke komplettierte. In dieser Kombination arbeitete sie bis zum Jahr 2023. Ab 1983 verbrachte man den Vorschnittabraum mit dem Absetzer As 1600-1038 auf einer Innenkippe. Neben den einschneidenden politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen kam es im Jahr 1989 auch zu einigen technischen Veränderungen. Zum einen erfolgte die Umstellung von Zug- auf Bandbetrieb und zum anderen der Bau einer Kohleverladung bei Grötsch, die jedoch im Jahr 2009 aufgrund des Tagebaufortschritts durch eine neue unmittelbar vor dem Kraftwerk Jänschwalde ersetzt wurde. Im Jahr 2000 kamen ein Schaufelradbagger und ein weiterer Absetzer im Vorschnitt hinzu. Die Abraummächtigkeiten von bis zu 95 Metern wurden so technologisch beherrscht. Seitem transportierte eine Bandanlage die abgetragenen Erdmassen aus dem Vorschnitt zur bereits ausgekohlten Kippenseite des Tagebaus. Ein Absetzer schüttete mit diesem Bodenmaterial das Relief der künftigen Bergbaufolgelandschaft, wobei kulturfähige Böden zuoberst aufgebracht wurden. An die 600 Meter lange Förderbrücke waren zum Freilegen der Braunkohle drei Eimerkettenbagger angeschlossen. Dieser Geräteverband machte es möglich, den Abraum auf kurzem Weg quer über die Grube des Tagebaus zu befördern und zu verkippen. Die Kohle wurde über Bandanlagen zur Verladung transportiert und von dort mit Zügen ins Kraftwerk Jänschwalde gebracht, wo sie bis zur Verstromung in Bunkern deponiert wurde.
Seit 1994 bis heute und noch kein Ende in Sicht, rekultiviert die LMBV im Rahmen ihrer Verpflichtung zur Wiedernutzbarmachung diejenigen Bereiche, die zwischen 1974 und 1990 durch den Tagebau Jänschwalde überbaggert worden war.
Durch den Tagebau Jänschwalde sind insgesamt acht Dörfer ganz oder teilweise überbaggert worden. Klinge war 1979/80 der erste und Horno im Jahr 2003 der letzte Ort, der dem Bergbau weichen musste.
In den 80er Jahren unterbrach der Tagebaubetrieb einen Teil des Flusslaufes der Malxe, wodurch der Unterlauf vom Oberlauf getrennt wurde. Der ursprüngliche, unterbrochene Flusslauf der Malxe wird auf den Kippenflächen aktuell renaturiert. Entstehen soll eine bis zu 145 Meter breite Auenrinne in einem Korridor von bis zu 800 Metern Breite. Der Ausbau des Flussbetts ist für die zweite Hälfte der 2020er-Jahre geplant. Eine dauerhafte und durchgehende Wasserführung der neuen Malxe in Richtung zukünftigen Heinersbrücker See wird frühestens ab 2050 nach der vollständigen Flutung der Bergbaufolgeseen erwartet.
Angesichts der massiven Eingriffe des Bergbaus in die agrarische Flächennutzung gab es auch auf diesem Gebiet einiges zu tun. Flächenentzug, Wassermangel und abgeschnittene Transportwege erschwerten vielen Landwirten das Leben. Auf den Kippen in den rückwärtigen Bereichen, auch als „B-Bereiche“ bezeichnet, sind verschiedene neue Agrarflächen entstanden, die der Landschaft wieder neue Perspektiven eröffnen, es sei denn sie werden dem heutigen Hunger nach erneuerbaren Energien wieder zum Opfer fallen.
Die gekippte Böschung des zukünftigen Klinger Sees im Bereich des Tagebaus Jänschwalde wurden vor Jahren mittels Rütteldruckverdichtung (RDV) gesichert. Dazu wurde ein bis zu 120 Meter breiter versteckter Damm hergestellt, der das zukünftige Ufer vor Setzungsfließrutschungen schützt. Versteckte Dämme werden bezogen auf den Endwasserstand angelegt. Solange dieser nicht erreicht ist, kann es im gesperrten Vorfeld des Dammes zu Böschungsbewegungen kommen. Das ist im Rahmen der bodenmechanischen Erfahrungen und Erwartungen ein normaler, auch an anderen in Flutung befundenen Seen ablaufender Vorgang gewesen. Die Sicherheit ist dadurch in jedem Fall gewährleistet, da der versteckte Damm Böschungsabbrüche bis weit in das Hinterland verhindert. Seit 2014 waren am künftigen Klinger See zwei weitere Rütteldruckverdichter im Auftrag der LMBV im Einsatz, die bis 2015 die Kippenböschungen sicherten. Im Anschluss wurden noch Fallgewichtsverdichtungen (FGV) sowie die Böschungsgestaltung im Uferbereich durchgeführt.
Die Restsiedlung von Klinge liegt südlich des entstehenden gleichnamigen Sees. Kurz vor der Tagebaukante steht das Raubrittertor. Das Chamberlin-Haus in der Bahnhofssiedlung erinnert an den Amerikaner Chamberlin, der 1927 bei seiner Antlantiküberfliegung in Klinge auf einer morastigen Wiese notlanden musste.
Zeitschiene
Quelle:
- LMBV – Wandlungen und Perspektiven in der Lausitz „15 – Welzow-Süd, Jänschwalde, Cottbus-Nord“